'Another Brick In The Wall - The Opera' - Montreal 2017

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      So, jetzt hab ich das Ergebnis gesehen und versuche mal meine Eindrücke zu ordnen und in eine gute Form zu bringen. Wird etwas dauern, aber ich melde mich bald zurück! Es werden wohl mehrere Teile werden(müssen). ;)
      Martin
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      I don't need your tongue to cut me (Roger Waters)
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      Teil 1 meines Berichtes (wurde schnell auf einem iPad geschrieben, daher bitte Fehler großzügig überlesen Danke :) :

      Am 22. März 2017 hatte ich die Gelegenheit mir eine von lediglich zehn Opernaufführungen von 'Another Brick In The Wall - The Opera' anzusehen. "Zehn Aufführungen", das hört sich zunächst sehr bescheiden an, man muss jedoch bedenken, dass es in der Regel von jedem geplanten Stück nur sieben Aufführungen in der 'Opéra de Montréal' gibt, da während einer Saison mindesten vier unterschiedliche Opern aufgeführt werden. Übrigens waren auch von 'Another Brick In The Wall - The Opera' zunächst lediglich sieben Aufführungen geplant. Nur durch die unverhältnismäßig hohe Nachfrage nach Tickets wurden drei Zusatztermine anberaumt.

      Laut Aufdruck auf der Eintrittskarte sollte die Aufführung um 19:30 Uhr beginnen, der Einlass war für 18:30 Uhr geplant. Daher machte ich mich gegen 18:20 Uhr auf den Weg zum Place de Arts. Im Eingangsbereich der Oper hatten die Verantwortlichen eine etwa 2,1-Meter hohe und etwa 18 Meter breite, dunkel rote Mauer errichtet auf der der Titel der Oper in großen goldfarbenen Lettern zu lesen war. In der Mitte gab es ein etwa fünf Meter breites Tor, welches erst wenige Stunden vor einer Vorführung geöffnet wurde - symbolisch war hier also das Publikum und die Bühne bereits durch eine Mauer getrennt. Das Ganze war natürlich nur Show - man war nicht gezwungen durch das Tor zu gehen und hätte auch einfach um die Mauer herum spazieren können - trotzdem, wie ich finde - eine nette Idee!

      Ich kam pünktlich um kurz nach 18:30 durch dieses Tor in den Eingangsbereich der Oper an dessen Glastüre die Tickets von zwei freundlichen Damen per Scanner überprüft wurden. Gleich dahinter konnte man über zwei großzügige Treppenaufgänge in die Galerie gelangen. Dort waren neben der Gaderobe auch zwei besondere Stände aufgebaut: An einer Art "Bar" wurde ein besonderer Cocktail mit dem Namen 'Pink' angeboten (der aus meiner Sicht aber eher die Farbe Orange hatte), an der gegenüberliegenden Seite konnte man Merchandising Artikel zur neuen Oper erwerben. Es gab drei unterschiedliche T-Shirts mit Motiven wie 'Mauer', 'Plane' und 'Graves' - zum Preis von jeweils 35,00$ CA; vier sogenannte 'Silkscreen Prints' - hochwertige und auf jeweils 150 Exemplare limitierte und nummerierte Exemplare von Drucken mit den vier offiziellen Plakatmotiven 'Megaphone', 'Graves', 'Camera' und 'Pills' - zum Preis von jeweils 45,00$ CA; zwei reguläre Poster mit den Motiven 'Graves' und 'Megaphone' - zum Preis von jeweils 15,00$ CA; sowie vier, etwa 4cm im Durchmesser große, Ansteckbuttons mit den zuvor schon aufgezählten Hauptmotiven der limitierten Drucke zum Preis von jeweils 5,00$ CA. Bezüglich des Währungskurses bleibt zu erwähnen, dass dieser aktuell bei etwa 1,44$ CA pro Euro notiert, dass heißt, dass z. B. ein hochwertiger, limitierter Druck für umgerechnet etwa 31,25 Euro verkauft wurde.

      Übrigens, wer sich den offiziellen Cocktail 'Pink' selbst mixen möchte, er besteht laut Webseite aus: 1 oz Gin, 1/2 oz St-Germain, San Pellegrino, Blutorange und Eis und wurde in einem einfachen hohen Glas mit Strohhalm und einer halben Blutorangenscheibe am Rand serviert.
      Martin
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      I don't need your tongue to cut me (Roger Waters)
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      Teil 2:

      Der - laut Programmheft 2.911 Sitzplätze fassende Hauptsaal der Oper mit dem Namen 'Salle Wilfrid-Pelletier' wurde etwa gegen 19:10 Uhr geöffnet. Am Eingang wurden kostenlose Programmhefte zur bevorstehenden Aufführung verteilt in dem sich unter anderem auch ein Vorwort von Roger Waters befindet. Er schreibt:

      "Als ich 1977 'einen Fan anspuckte' oder als ich 1979 'The Wall' schrieb, konnte ich nicht wissen, dass Mauern im 21. Jahrhundert von einer solch profunden Bedeutung werden würden. Für 'The Wall' ist es eine unerwartete Ehre Teil der Feierlichkeiten zum 375. Geburtstag von Montréal zu sein und als Oper neu geboren zu werden. Teil einer kulturellen Brücke zu sein, errichtet aus Musik und Ideen, fühlt sich absolut richtig an. Es gibt kein 'Wir und die Anderen', wir sind alle eine Familie, wir sind alle Menschen. Wir sollten uns Mauern entgegenstellen und Brücken bauen; das ist unser menschliches Recht und auch unsere Pflicht. Herzlichen Glückwunsch, Montréal."

      Neben dem Grußwort von Waters, waren auch Grußworte des Bürgermeisters von Montréal, Denis Coderre; des kanadischen Ministers für "kommunale Angelegenheiten und Landnutzung, für öffentliche Sicherheit und für die Region von Montréal" Martin Coiteux, dem Generaldirektor Pierre Dufour, dem Regisseur Dominic Champagne und dem Komponisten Julien Bilodeau enthalten.

      Ich ging in den Konzertsaal und versuchte meinen Platz zu finden. Generell war die Nummerierung der Plätze - wie ich finde - etwas ungewöhnlich: Von der Bühne aus gesehen waren die Sitzplätze mit geraden Nummern in der linken Hälfte verortet, die ungeraden Platznummern befanden sich rechts - mit jeweils den niedrigen Nummern in der Mitte, etwa so: 10-08-06-04-02-01-03-05-07-09. Ich nahm meinen Platz 6 in Reihe L ein (Reihe A war die erste Reihe vor dem Orchestergraben) und sah auf eine mit einem stilvollen, schweren, klassisch roten Vorhang verhüllte Bühne. Oberhalb der Bühne war eine längliche, balkenartige Leinwand angebracht, auf der später die Texte in französischer Sprache auf der linken und in englischer Sprache auf der rechten Seite zu lesen sein würden. Neben der Bühne waren großformatige Flatscreens aufgehängt. Dort wurden kleine Einspieler der auftretenden Sängerinnen und Sänger gezeigt, freundlich in die Kamera lächelnd, wie diese auf die Aufführung in der Maske auf ihren jeweiligen Auftritt vorbereitet werden.

      Pünktlich um 19:30 Uhr begann die Aufführung mit dem Dämmen der Saalbeleuchtung und einer männlichen Stimme aus dem Off, die die Zuschauer in französischer und englischer Sprache bat Mobiltelefone auszuschalten und darauf hinwies, das Foto- und Filmaufnahmen von der Aufführung nicht erlaubt sind.
      Martin
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      Teil 3:

      Der Vorhang hob sich und gab den Blick auf die Bühne frei. Im Hintergrund befand sich ein riesiger, fast quadratischer LED-Screen, an den beiden Seiten jeweils zwei ähnlich große, kastenförmige, bewegliche Aufbauten mit weißer Oberfläche, die als Projektionsfläche für Hochleistungsbeamer dienten, wie wir sie schon von den 'The Wall Live'-Konzerten von Roger Waters zwischen 2010 und 2013 her kennen.

      Während der gesamten Aufführung sollten diese Elemente genutzt werden. Ununterbrochen wurden hier grafische Animationen und hochklassige Filmaufnahmen aufgespielt, welche ein sehr vielfältiges, "lebendes" - und teils realistisch-klares - Bühnenbild erzeugte. Keine Frage, optisch reihte sich ein Eyecatcher an den anderen an - sehr beeindruckend und technisch äußerst professionell und überzeugend gestaltet.

      Auf der balkenartigen Leinwand oberhalb der Bühne war zu lesen: "... we came in?" Die erste Szene, 'In The Flesh?' begann mit einem Blick zurück ins Jahr 1977 - zum berühmten Pink Floyd-Konzert im Montrèaler Olypiastadium. Für die Opernbesucher sah es so aus, als ob sie sich hinter der Konzertbühne von Pink Floyd befinden würden, die Besucher des Konzertes aus dem Blickwinkel der Gruppe sehen könnten und von dort beobachten, wie Roger Waters im Verlauf des Geschehens schließlich die Nerven verliert und einen einzelnen Fan anspuckt: Überdeutlich und langanhaltend mit einem großen Schluck Wasser vom Hauptdarsteller ausgeführt...

      Während die Musik völlig neu war, wurden die Texte von 'In The Flesh' übernommen. Ich muss zugeben, dass mich die neue Musik hier noch nicht in ihren Bann ziehen konnte. Da die vorhandenen Texte für das Libretto einer Oper eigentlich nicht ausreichend waren, schien es mir so, als ob die Musik hierauf zu viel Rücksicht nehmen musste und daher die Melodien einem deutlich verlangsamten Rhythmus zu folgen hatten. Die Bewegungen der Darsteller nahmen darauf zum Teil ebenfalls Rücksicht und wurden in entscheidenen Stellen wie in Zeitlupe ausgeführt. Als Pink Floyd-Fan kennt man Melodie und Rhythmus des Originalwerks so gut, dass man sich an diese "neue Langsamkeit" erst gewöhnen musste. Für mich kann ich sagen, dass diese Eingewöhnungszeit etwa 20 Minuten dauerte. Man muss sich darauf aber wirklich erst einlassen und darf sich innerlich nicht zu sehr dagegen wehren.

      Der sehr deutliche Bezug auf das berühmte Pink Floyd-Konzert am Ende der 'Animals'-Tournee in Montréal gefiel mir sehr gut. Optisch wurde das zum Beispiel mit einem virtuellen 'Mr Screen' unterstützt. Folgerichtig zum Blickwinkel der Opernbesucher, konnte man die vier Operndarsteller von Pink Floyd nur von hinten betrachten. Nachdem Waters (oder 'Pink') die Nerven verloren und den Fan angespuckt hatte, der sich zur Pink-Floyd-Bühne vorgekämpft hatte, brach er - wie bei einem Nervenzusammenbruch - auf der Bühne zusammen und wurde auf einer Bahre ins Krankenhaus gebracht - überdeutlich symbolisiert mit einer auf einem Gestell befindlichen OP-Leuchte.
      Martin
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      Teil 4:

      Diese blieb auf der linken Bühnenseite stehen, während sich das Set aufgrund der Projektionen in Sekundenbruchteilen zur "Weltkrieg II"-Umgebung verwandelte. Der Zuschauer erlebte auf diese Weise die Erinnerungen von 'Pink' aus dessen Sicht während seiner Krankheitsphase. Es trat die Mutter mit Baby-Pink und dem Soldatenvater auf. Alles sehr passend zu neuen Melodien von 'The Thin Ice' und 'Another Brick In The Wall, Part I'. Die Projektionen waren absolut überzeugend. Eine neue Erfahrung bei diesen Songs neben der Mutter auch den Vater von Pink in Uniform zu erleben - eine weitere schöne Idee der Bühnenproduktion. Auf eine durchaus mögliche Integration von 'When The Tigers Broke Free' wurde verzichtet, aber den Planern war es gelungen den Tod von Pinks Vater auf dem Schlachtfeld von Anzio auch ohne diese Unterstützung zu realisieren.

      Es folgten die schulischen Erfahrungen von Klein-Pink, die in der Bühnendarstellung sehr stark an die filmische Umsetzung von Alan Parker erinnerte. So wurde ein Klassenraum aufgebaut, der rückwärtige Monitor wurde zur Schultafel auf dem der berühmte Satz mit dem Pudding auftauchte. Die wie von Geisterhand entstehenden Schreibereien auf der Tafel wurden im Laufe der Zeit immer wilder, bis es schließlich zum Moment der (eingebildeten) Schülerrevolution kam und die Kinder (wie im Spielfilm) ihre Unterlagen in die Luft warfen und den Klassenraum verwüsteten.

      Noch immer hatte ich Probleme die neue Musik als Teil von 'The Wall' zu akzeptieren. Sie war ausladend, getragen, wenig impulsiv. Aber die Stimmen der Darsteller konnten von Anfang an überzeugen und als dann wieder Pinks Mutter auftauchte um den Song 'Mother' zu interpretieren, hatte mich der Komponist plötzlich mit seiner neuen Version eingenommen. Während auf der Bühne 'Klein-Pink' durch einen etwa achtjährigen Jungen dargestellt wurde, wurden die Texte weiterhin vom Haupdarsteller gesungen, der etwas abseits im Schatten stand - wie ein Zuschauer, der seine eigenen Erinnerungen betrachtet. Die Mutter sang ihre eigenen Textpassagen und im Hintergrund tauchte auch eine Darstellerin auf, die wohl eine der Frauen symbolisieren sollte, vor denen Pink, in der Denkweise der Mutter, in Schutz genommen werden musste.

      Leider ist es kaum möglich zu beschreiben, wie die sich ständig veränderten Projektionen das Bühnenbild kontinuierlich veränderten. Ich kann wirklich sagen, dass die Macher hier äußerst kreativ und hochprofessionell vorgegangen sind. Optisch ist die Oper auf jeden Fall ein Hochgenuss!

      Es folgten die Szenen zu 'Goodbye Blue Sky' und 'What Shall We Do Now'. Mit letztem Song war zudem erneut klar, dass sich die Oper eher an die Live-Konzerte oder dem Spielfilm orientierte. Bei 'Young Lust' wurde darstellerisch sowohl Pink's Beziehungen zu Groupies als auch die Beziehung seiner Frau zu einem anderen Mann nachvollzogen. Es schien, dass nun beide getrennte Wege gehen würden - ein weiterer emotionaler "Stein" in Pink's Mauer.
      Martin
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      Teil 5:

      Das Hotelzimmer wurde grandios visualisiert. Der hintere große LED-Screen wurde bei 'One Of My Turns' zum riesigen - aus mehreren Segmenten bestehenden - Hotelfenster, welches den Blick aus großer Höhe auf eine beeindruckende nächtliche Stadtkulisse freigab. Bei seinem plötzlichen Wutausbruch zerstört Pink auf der Bühne symbolisch das Hotelzimmer während das Groupie versucht sich in Sicherheit zu bringen. Auch hier waren die Parallelen zum Spielfilm unverkennbar. Selbst die großen virtuellen Fenster des Hotels gehen in Zeitlupe kaputt und zerspringen in tausende Einzelteile.

      Übrigens hat es Waters den Produzenten der Oper wohl erlaubt, die originalen Soundsequenzen des Albums zu nutzen: So ist hier z.B. das naive Geschwätz des Groupies am Anfang des Songs zu hören, welches sich vom Luxus des Hotelzimmers sichtlich beeindruckt zeigt.

      Die neuen Melodien lassen sich natürlich schwerlich beschreiben. Der Bezug zu einer modernen Oper ist musikalisch nicht zu leugnen. Bisher tauchten kaum bekannte Bruchstücke aus Waters' Werk auf - allerdings sollte sich das im zweiten Teil der Oper verändern.

      Mit 'Goodbye Cruel World' endete der erste Teil - der Hauptdarsteller stand hier jedoch nicht - wie bei den Konzerten üblich - hinter der Mauer, sondern davor! Hier wurde also die Perspektive verändert: Die Zuschauer der Oper standen mit Pink gemeinsam hinter der Mauer, eine durchaus frische Betrachtungsweise.

      Ich möchte vermuten, dass der überwiegende Teil der Zuschauer das Werk 'The Wall' von Pink Floyd kannten und wussten wo der erste Akt enden würde: Der Applaus kam unmittelbar nach dem letzten "Goodbye". Sicherlich gab es auch viele Zuschauer mit Abonnement, die mit dem Originalwerk bisher nicht in Berührung gekommen waren, aber der sehr sichere Schlussapplaus läßt vermuten, dass die Zuschauer den Inhalt des Werkes überwiegend gut kannten und damit auch der Bühnenumsetzung problemlos folgen konnten.

      Es folgte eine etwa 20-minütige Pause. Viele Zuschauer verließen den Saal um sich zu erfrischen - aber wie üblich blieben auch viele zurück und warteten die Pause einfach ab. Da man in Montréal, und damit in der kanadischen Provinz Québec, vorwiegend Französisch spricht und ich die Sprache nicht besonders gut beherrsche konnte ich den ersten "Bewertungen", die in der Pause zwischen den Zuschauern ausgetauscht wurden, kaum folgen. Aber man konnte erkennen, dass die Besucher vom bisher Gesehenen durchaus angetan waren. Ich nutzte die Gelegenheit in den Orchestergraben zu schauen, welcher ein sehr großes Orchestra zu beherbergen schien.
      Martin
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      Teil 6:

      Nach der Pause nahm das Publikum die Plätze wieder ein. Der Beginn des zweiten Aktes war eine kleine Überraschung: Statt mit 'Hey You' ging es mit 'Is There Anybody Out There' weiter, 'Hey You' kam erst im Anschluss. Es ist schade, dass ich nicht in der Lage bin das optische Geschehen besser in Worte zu fassen, aber das ist wohl eine prinzipielle Schwierigkeit. Es vergeht keine Sekunde in dem das Bühnenbild nicht in irgendeiner Weise in Bewegung zu sein scheint. Die hochauflösenden Projektionen sehen äußerst realistisch, klar und kontrastreich aus und es macht einfach eine Menge Spaß zu sehen, welche vielfältigen Einfälle hier bei der Produktion verarbeitet wurden. So kann man beispielsweise einen Zoom in ein weibliches Auge verfolgen, dessen schwarze Pupille zum 'Mr Screen' mit dem üblichen Strahlenkranz aus beweglichen Scheinwerfen wird...

      Etwas völlig Neues geschieht beim Song 'Vera': Die Bühne verwandelt sich in einen Ballsaal, in dem viele Paare zum Song 'We'll Meet Again' von Vera Lynn tanzen. Alle Paare sind gekleidet wie zur Zeit der Vierziger Jahre, als der Song ein Hit war. Die Männer überwiegend in Uniform. Die britische Sängerin Vera Lynn, die gerade stolze 100 Jahre alt geworden ist (und ein neues Album herausgebracht hat), steht als Dargestellte neben der Bühne und singt das Lied im Original und das Orchestra spielt zum ersten Mal keine neue Melodie, sondern den bekannten britischen Schlager aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Ein großartiger Einfall und ein Nachweis auf welche vielfältige Weise das Originalwerk neu interpretiert werden kann.

      Und danach gleich eine weitere Überraschung: Auch 'Bring The Boys Back Home' wird nahezu in der Originalmelodie auf die Bühne gebracht. Das erste Mal, dass ein Song aus dem Album vom Orchestra 1:1 gespielt wird - unterstützt von einem großartigen, stimmgewaltigen Chor. Die beiden Seitenteile wurden inzwischen mittig zusammengefahren und bildeten nun einen flachen Hintergrund auf dem das berühmte 'Eisenhower'-Zitat projiziert wurde - genau wie bei den Waters-Konzerten, jedoch in einer neutralen Schriftart.

      'Comfortably Numb' bleibt im Vergleich zur Albumversion musikalisch aus meiner Sicht sehr farblos. Kein Wunder, als Pink Floyd-Fan verbindet man mit dem Original einen Höhepunkt des Albums. Das kann eine neue musikalische Interpretation offenkundig nicht leisten zumal das Gitarrenspiel von Gilmour natürlich bei einer Oper überhaupt keine Rolle spielen kann. Ein Orchester hat eben keine vergleichbare Ausdrucksmöglichkeit und auf diesen Song eine neue Melodie zu legen gleicht einem, von vornherein zum Scheitern verurteilten Versuch.

      'The Show Must Go On' war der Opener für das letzte Viertel der Vorstellung. Die beiden großen Seitenteile wurden nun von hinten beleuchtet und zeigten die Schatten von Menschen, die in einem Gatter oder in einem Käfig gefangen zu sein schienen. Pink war nun mit nach hinten gegeelten Haaren und martialischem Äußeren auf der Bühne erschienen und erinnerte damit erneut an Alan Parkers Spielfilm und an Bob Geldof in der Rolle des faschistisch agierenden Rockstars.
      Martin
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      I don't need your tongue to cut me (Roger Waters)
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      Teil 7:

      Bei 'Run Like Hell' versuchte eine Reihe von Darstellern auf der Bühne "wegzulaufen", sie blieben jedoch wie in einem Alptraum am Platz und bewegten sich keinen Meter. Inzwischen hatte man die beiden Seitenteile umgedreht und konnte nun erkennen, dass es sich bei den "Menschen im Gatter" um das Publikum von Pink handelte, welches seinen Star frenetisch feierte und die von Pink angezettelte Gewalt unterstützte. Vielleicht eine optische Metapher darauf, dass das Publikum von seinem Star in seinem Denken gefangen war.

      'Waiting For The Worms' wurde ebenfalls in konzeptionell bekannter Weise auf die Bühne gebracht. Punktscheinwerfer versuchten die Personen zu identifizieren, die Pink in seiner Allmachtsfantasie aus perfiden Gründen angriff. Das Geschehen schwappte sogar in den Zuschauerraum über: Links und rechts neben der Bühne wurden durch die "Sicherheitsleute" (oder waren es Soldaten?) Menschen verhaftet. Das Ganze bekam durch die sehr gekonnte Inszenierung eine auffallend bedrückende und verstörende Stimmung - bis es schließlich zum erlösenden 'Stop!' kam.

      'The Trial' wurde ebenfalls komplett im Original übernommen. Hier wunderte ich mich nicht. Das Stück ähnelt im Original ohnehin einer Oper von Kurt Weill und der Text hätte auch von Bertold Brecht stammen können. Dass es sich hierbei nicht um eine reale Gerichtsverhandlung handelt, sondern um etwas, was in Pinks Kopf vor sich geht, wurde durch die neuen erstmals unrealistischen Kostüme der Darsteller unterstützt. Ankläger, Lehrer, Mutter und Ehefrau und Richter hatten eine Art Vogelkostüm an, die dieser absurden Szenerie einen besonderen Rahmen verlieh. Der Mauereinsturz wurde am Ende durch eine Projektion auf dem riesigen LED-Screen gezeigt - auch hier angelehnt an die Umsetzung von Alan Parker. Das Bühnenlicht ging aus und hüllte die Szene in Dunkelheit aus der später einzelne "Trümmer" und weißer Rauch sichtbar wurden.

      Dann trat der gesamte, fast fünfzig Personen große Chor auf und sang 'Outside The Wall' - ebenfalls in der Originalmelodie, jedoch mit einer bisher nicht gehörten Präsenz. In der Vergangenheit lebte der Song von seiner Schlichtheit und der einfachen Melodie. Heute war er ein Gänsehaut-erzeugender großartiger, brachialer Abschluss, ein kraftvoller Schlusspunkt der Oper, der gegen Ende jedoch immer leiser wurde und schließlich klanglich im Dunkel der Bühne verschwand. Man konnte eine Stecknadel fallen hören, bevor schließlich der langanhaltende Schlussapplaus einsetzte und die Aufführung, seine Initiatoren, Musiker und Darsteller mit stehenden Ovationen belohnte. Auf der länglichen Leinwand erschien der Halbsatz: "Is this where..."
      Martin
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      I don't need your tongue to cut me (Roger Waters)
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      Teil 8:

      Die gesamte Oper dauerte etwa zwei Stunden und war damit erheblich länger als das Originalalbum. Einschließlich der Pause war die Aufführung damit um etwa 22:00 Uhr beendet.

      Am Ende möchte ich noch ein paar Zahlen und Daten aus dem Programmheft zitieren um einen Eindruck von der Größe der Produktion zu vermitteln: 4k Projektionen, 1 21x21ft großer LED-Screen, 2 Kinder, 3 Lkw mit Material, 8 Solisten, 8 Projektoren mit jeweils 20.000 Watt Leistung, 10 Aufführungen in Montréal, 20 Statisten, 46 Chormitglieder, 70 Musiker, 234 Kostüme und 2.911 Zuschauer pro Aufführung.

      Ich denke, ich bin mit der richtigen Erwartungshaltung in diese Oper gegangen. Wie ich zuvor bereits geschrieben habe, hatte ich eine "Transformation" des Stücks / der Erzählung 'The Wall' mit dem Libretto (Lyrics) von Waters, neuer, orchestraler Musik und ausgebildeten Stimmen erwartet. Ich erwartete keine E-Gitarren, keinen David Gilmour oder Roger Waters auf der Bühne! Ich erwarte eine Aufführung auf dem Stand der Technik, mit guter Akustik und enthusiastischen und engagierten Mitwirkenden in einem coolen Bühnendesign und tollem Chor. Das waren wohl die besten Voraussetzungen, um einen besonderen Abend in Montréal zu erleben, der mir 'The Wall' auf ganz andere Weise näher gebracht hat und tatsächlich - das kann ich nun mit Überzeugung sagen, meinen Horizont etwas erweitern konnte. Meine Erwartungen wurden erfüllt und in optischer Hinsicht sogar deutlich übertroffen. Die neue Musik muss ich wohl noch besser kennenlernen, aber insgesamt ist dies ein großartiges neues Werk, das 'The Wall' als Pate eigentlich nicht nötig hat und ganz alleine bestehen kann.

      Meine Reise hat sich gelohnt!
      Martin
      [Neccropole]

      I don't need your tongue to cut me (Roger Waters)