Roger Waters - Is This The Life We Really Want?

    • Ich höre das Album jetzt wieder mehr. Nicht komplett und nur in Teilen aber es gefällt mir doch mehr und mehr.

      The last Refugee halte ich inzwischen für eine der besten Solonummern eines Floyds. Ohne Gitarre und Action aber trotzdem mit der Thematik die Musik und dem klasse Intro. Wirklich super umgesetzt. Tatsächlich ein Song wo ich auch sage, nö, pack´ weg die Gitarre.

      Broken Bones hätte mir noch besser gefallen wenn die Slide-Gitarre lauter und deutlicher gewesen wäre. Ja, da hätte der Gilmour gut.....

      Picture That ist in der Bahn immer besonders lustig weil die Ansagen die im Hintergrund laufen ähnlich auch in meinen Zügen abgespielt werden. Auch wenn ich nicht mit der Tube fahre, gibt es doch in der S-Bahn englische ansagen und ein gewisses Sprechgewirr. Ich mag den Song, aber bei der Textzeile "Picture her wrapping a gift for the wedding", höre ich immer "Picture her wrapping a gift for the waRRRRing". Waters rollt irgendwie da eigenartig ein R wo keins ist.

      Is this the Life we really want ? Ich dachte die ersten Male immer am Anfang des Songs fliegt´ne Mücke durch meine Ohren :D .

      Smell the Roses hat mir zu Anfang am besten gefallen. Inzwischen klingt er für mich immer wie ein Floyd-Sammelsurium aus den 70er. Klar, hörbar, aber dann kann man auch gleich WYWH oder Animals hören

      Déjá Vu empfinde ich ZU überzogen. Irgendwie Langweilig nur die Streicher sind bemüht bisschen Feeling rein zu bringen. ZU allen Überfluss versucht Waters dann auch noch ins Mikro zu schreien, was bei seiner Stimme total verkrampft klingt und am Ende singt dann plötzlich noch eine vom Chor mit.

      Trotzdem super Platte, die sich vor ihren Vorgängern nicht verstecken braucht.
    • Jürgen Roth - jemand der mit Sprache umgehen kann und Roger Waters nicht vollumfänglich zu mögen scheint - zeigt wie man mit einfachem Text bestens beschreiben UND unterhalten kann:

      Musik ist ein Fehler
      »Is This The Life We Really Want?« fragt Roger Waters auf seinem aktuellen Album rhetorisch

      Den Blättern ist es egal, dass es Herbst wird, dass der Herbst fortan lustlos durchregiert. Sie haben sich gebräunt und fallen zu Boden.

      Recht groß war der Sommer, vorzeiten, und im Herbst der Menschheit mögen Rilkes Zeilen helfen: »Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein; / gib ihnen noch zwei südlichere Tage, / dränge sie zur Vollendung hin, und jage / die letzte Süße in den schweren Wein.«

      Ich hab’ ein Haus, in dem lebe ich allein, und Wein muss nicht sein. Ein Bier murrt leicht und leise: »Hier«, das genügt. »Wachen, lesen, lange Briefe schreiben«, nein, aber Musik, da sag’ ich: »Ick’!«

      Zumal wenn sie mir, wie seit Jahren nicht mehr – denn niemand hört mehr Musik, weil alle andauernd so was wie Musik hören, via Mobilnetz und weißnichwas –, von einem Freund auf eine Weise ans Herz gelegt wird, dass es den Wunsch hegt, sie: zu hören.

      Der Freund schickte mir eine SMS: »Die neue Platte von Roger Waters ist ein absolutes Meisterwerk!!! (…) Ein poetischer Abgesang auf (…) die ganze beschissene Welt.« Ein paar Tage später eine zweite: »Ich kann nicht aufhören, die Roger Waters zu hören. Diese mit brüchiger, alter, resignierter Stimme vorgetragene Dystopie, die durch die irrwitzige Höllenfahrt der Harmonieführung zu einem blutgefrierenden Horrortrip wird. Track 1 bis 7 sind für mich ein zusammenhängendes Werk, an dessen Ende ich jedesmal (…) heulen und vom Dach springen will.«

      Und es schlichen dergleichen Nachrichten mehr herein.

      Wir Journalisten sind ja bekanntlich Abgreifmeister, doch das hartleibige, verblödete Label Columbia/Sony Music wollte und wollte mir, trotz wiederholter stalinistischer Nachfragen des feinen Herrn Redakteur Mehr, korrigiere: Merg, »Is This The Life We Real­ly Want?« nicht und nicht zusenden.

      Vergangene Woche lag das Album im Briefkasten. Der Freund – Columbia, aufgemerkt! Sony Music, hab acht! – hatte es ein zweites Mal gekauft und mir großzügig grußlos geschenkt.

      Es ist in der Rockmusik alles schon dagewesen. Alle denkbaren, evolutionär vorrätig gehaltenen Akkorde, Progressionen, Hooklines, Rhythmen und Arrangements sind eingesammelt, kartographiert, sortiert, zusammengeschraubt, komponiert worden. Unter der gelangweilten Sonne des ewigen Kapitalismus gibt es nichts Neues mehr, mögen sie hie und da und dort auch unablässig »Fortschritt! Fortschritt!« schreien.

      Schritten die Schreier endlich einmal hinfort, wäre das tatsächlich ein Fortschritt. Fortschritt, das wäre Stille. Ruhe. Morgens in der taubenetzten Herbstwiese liegen und Schnauze halten. »Im Bannkreis des Systems ist das Neue, der Fortschritt, Altem gleich als immer neues Unheil.« (Adorno)

      In diesen Tagen ist es einfach, »Antisemit!« zu rufen – und vonnöten, denn das antisemitische Pack wird stetig zahlreicher. Roger Waters mag einer sein, er mag ein Totalidiot sein, vieles spricht dafür: sein ständiger Aufruf zum Boykott Israels (u. a. zusammen mit, leider, Ken Loach), eklige Elemente seiner Bühnenshows und anderes. Es ist fahrlässig, aber ich nehme mir an dieser Stelle trotzdem heraus, mich da herauszuhalten, da ich mich mit dem Fall nicht im Detail befasst habe.

      Nehmen lasse ich mir nicht: diese grandiose Platte zu hören, wieder und wieder. Weil sie ein integres Kunstwerk ist, ein Hieb wie Célines »Reise ans Ende der Nacht«. Ein brodelnder Topf. (Alle Vergleiche und Metaphern sind immer falsch. Es ist überhaupt alles falsch.)

      »Is This The Life We Really Want?« ist ein Konzept-Piece, vom Ende der Geschichte her gedacht und gemacht – das Ende der Geschichte nicht als Beginn der Befreiung, sondern als Enthüllung, als Apokalypse im Wortsinn. Alles liegt für alle offen zutage, wir zucken mit den Schultern und wursteln weiter. Sub specie aeternitatis? Egal. Per aspera ad Apple. »Sometimes I sta re at the night sky / See them stars a billion light years away / And it ma kes me feel small like a bug on the wall / Who gives a shit anyway?« heißt es, makellos binnengereimt, in Stück Nummer fünf, »Broken Bones«. »We could have been free.«

      A bug on the wall, klar. »Picture That« wäre auch auf Pink Floyds »Meddle« ohne Einspruch seitens Columbia/Sony Music untergekommen. Die wirklichkeitsallusiven Collageelemente, der schönen Kunstform des Hörspiels seit Jahrzehnten abgelauscht. Die finster-hellen Harmonien, wie hingebungsvoll an die feindliche Zimmerwand gepinselt. Nichts Neues unterm Sternenzelt, über dem Gevatter Tod thront.

      Ich glotze, logo, immer wieder den Videoclip »What God Wants, Part I«, von Roger Waters’ vorletztem Soloalbum »Amused to Death«, das vor fünfundzwanzig Jahren erschienen war – wegen des archaisch müden Tempos, wegen des kollaborierenden Gitarren-Dioskurs Jeff Beck (Polydeukes ist selbstverständlich Ritchie Black­more), wegen der singenden Backgroundblondinen (o weh), wegen des teuflisch himmlisch schwebenden Chorus; oder das samtweich aus dem Kopf schleichende »Three Wishes«, albern in Szene gesetzt, gleichwohl mit einer formidablen Frauenschönheit verziert. (Bin halt ein Arsch der Achtziger und Neunziger.)

      Dennoch: »Is This The Life We Re ally Want?« zerreißt mich durch seine Stille. Im Opener »When We Were Young« brummelt Waters seinen Text in eine muffelnde Socke hinein. Musik ist ein Fehler. Nichts mehr zu sagen. Das Schlagzeug, durchgängig, wurde im Punk-Geräteschuppen nebenan aufgenommen, knäckebrottrocken. Die Streicher glauben sich ihr plattes Pathos nicht mehr, die schleppenden Tempi brechen in Raserei aus. Und aus der verfluchten Verfehlung der Gesamtheit leiert Waters ein beklemmendes Lied nach dem anderen heraus, als hätte er »Die Æsthetik der Herrschaftsfreiheit« von Rome gehört, die »Bluthunde der neuen Ordnung« verhöhnend, eine New World Order hassend, die eine uralte ist und die erst verschwunden sein wird, wenn das Leben anfängt, nachdem es vergangen ist, nachdem die Herrschaft des Geldes der Vergangenheit angehört.

      Ist das Widerstand? Es ist wenigstens Wut. Zorn. Vollkommene gedämpfte Wut. »Is this the life – / The holy grail? / It’s not enough that we succeed / We still need others to fail.« – »Daher«, mit Schopenhauer zu reden, »sein tiefes Weh«, und Nick Cave nickt vorsichtig.

      Den letzten Blättern an den Kübelbirken vor meinem Fenster ist das egal. Die taumelnde, fallende Menschheit indes ist sich selbst noch mehr egal.

      Mehr egal? Sich mehr egal sein? Das geht nicht? Das geht. Im Delirium, kurz vorm Sturz, geht das. »It’s normal.«

      Sehr viel mehr ist nicht mehr zu sagen. Freiheit war mal.

      Von Jürgen Roth
      Martin
      [Neccropole]

      I don't need your tongue to cut me (Roger Waters)
    • Neccropole schrieb:

      »Die neue Platte von Roger Waters ist ein absolutes Meisterwerk!!! (…) Ein poetischer Abgesang auf (…) die ganze beschissene Welt.«
      »Ich kann nicht aufhören, die Roger Waters zu hören. Diese mit brüchiger, alter, resignierter Stimme vorgetragene Dystopie, die durch die irrwitzige Höllenfahrt der Harmonieführung zu einem blutgefrierenden Horrortrip wird.
      Track 1 bis 7 sind für mich ein zusammenhängendes Werk, an dessen Ende ich jedesmal (…)
      ....traurig bin, leicht resignierend kurz davor in eine Depression abzurutschen......
      Nichts für meine kommenden Novembertage.
      Trotzdem ist es auch für mich ein Meister- und Seelenwerk von Roger und nicht nur deswegen gut weil es von Roger ist!
      Es ist gefühlsmäßig für mich eine absolute Offenbarung und bringt mich in Resonanz,
      weil ich genau so auch empfinde!
      Und bei intensiven Arbeiten schleicht sich dieses Werk ständig in mein Bewusstsein und ich summe es oft vor mich hin.....
      Das ist das beste Zeichen für mich, dass die Musik mich tief im Inneren berührt und so etwas machen nur relativ wenige Werke auf solch intensive Art!